Zum Qurân zurückkehren

Zum Qurân zurückkehren
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Nach zwei Stunden „Tarâwîh-Gebet“ (freiwilliges Nachtgebet im Ramadân) und vier Stunden Tahaddschud (freiwilliges Gebet nach dem Tarâwîh-Gebet) weinte der Scheich in seiner Niederwerfung und flehte Allâh den Hocherhabenen an, ihm zu vergeben.

 

Dieser Scheich musste die Qurân-Rezitation unterbrechen, weil er so viel weinte. Er rezitierte Verse über das Höllenfeuer und man spürte, dass er das Höllenfeuer sah; er rezitierte Verse über das Paradies und es war, als wäre er im Paradies. Er rezitierte ein Bittgebet aus dem Quran und flehte mit diesem Bittgebet, als wäre er allein unter Tausenden von Menschen und täte dies für seine eigene Seele. Und als ihm nach stundenlangem Rezitieren und Weinen seine Stimme versagte, vollzog er die Niederwerfung und man konnte ihn über das Mikrofon weinen hören, während er sich reumütig an Allah wandte.

 

Warum spürte ich die gewichtige Bedeutung des Quran nicht so wie er? Warum spürte ich das Gewicht meiner Unzulänglichkeiten nicht so wie er? Und wer von uns beiden hat wahrscheinlich mehr Unzulänglichkeiten? Am meisten überwältigte mich das Gefühl, dass er etwas wusste, was ich nicht wusste. Gewiss, Allah der Allmächtige und Majestätische sagt: „… Allâh fürchten von Seinen Dienern eben nur die Gelehrten…“ (Sûra 35:28). Und der Scheich rezitierte diesen Vers wieder und wieder.

 

Nach dem Ramadân ging ich zu seiner Moschee und erhielt die Möglichkeit, ihn darüber fragen zu können. „Scheich, ich war im Ramadân hier. Als du den Qurân rezitiert hast, empfand ich, dass du ihn wirklich verstehst. Manchmal hast du einen Vers wieder und wieder rezitiert, manchmal hast du wieder und wieder geweint. Und selbst wenn ich die Bedeutung des Verses verstanden hatte, weinte ich nicht so wie du. Und deshalb habe ich gespürt, dass du die Bedeutung nicht einfach nur kennst, sondern wirklich verstehst. Wie kann ich zu denjenigen gehören, die verstehen?“

 

Er antwortete: „Es gibt zahlreiche Mittel:

 

1. Bereite dein Herz vor.

Bereite dein Herz vor, bevor du das Gebet beginnst! Bete beispielsweise vor dem Nachtgebet zwei Gebetseinheiten, um deinem Herz zu helfen, den Quran vor dem Pflichtgebet zu spüren!

 

2. Rezitiere den Qurân oft!

a) Wenn du einen Vers rezitierst, dann rezitiere ihn wieder und wieder – denke über den Vers tief nach!

b) Interagiere mit dem Qurân! Täglich einen „Dschuz“ (1/30 des Qurân), damit du den Qurân innerhalb eines Monats ganz liest.

 

3. Lies Qurân-Exegesen!

Wenn du, während du den Qurân rezitierst, erkennst, dass es einen Vers gibt, den du nicht verstehst, dann lies Exegesen! Kehre danach zurück zum Vers und lies ihn mit Wissen darüber, wie er geoffenbart wurde, warum er geoffenbart wurde, wann er geoffenbart wurde, mit Wissen über die Situation, in der er geoffenbart wurde und frage dich dann: Verstehe ich ihn jetzt?   

 

4. Realisiere, dass Allâh der Allmächtige und Majestätische dich ruft!

a) Stell dir vor, wie es war, als der Qurân den Prophetengefährten geoffenbart wurde! Sie erlebten die Offenbarung des Qurân! Sie kannten den Offenbarungsgrund verschiedener Verse; sie wussten, dass der Qurân sie anspricht. Stell dir vor, wie die Prophetengefährten  möge Allah mit ihnen zufrieden sein damals beeindruckt waren, als sie begriffen, dass der Qurân für sie geoffenbart wurde, als sie begriffen, dass der Qurân sie anspricht!

b) Sei dir des Folgenden bewusst: Allâh der Hocherhabene spricht dich an! Wenn du beispielsweise einen Vers aus der Sûra Al-Hudschurât hörst, etwa „O die ihr glaubt, kommt nicht Allâh und Seinem Gesandten zuvor und fürchtet Allâh. Gewiss, Allâh ist Allhörend und Allwissend.“ (Sûra 49:1), dann solltest du denken, dass du zu denjenigen gehörst, die glauben! Was verlangt Allâh von mir? Zu was fordert Allâh der Liebevollste mich auf?  

 

5. Empfinde diese Verse nach!

a) Wenn du über das Paradies liest, dann stell dir vor, dass du tatsächlich im Paradies sitzt, die Früchte des Paradieses betrachtest, die Bewohner des Paradieses siehst und die Düfte des Paradieses riechst!

b) Wenn du über das Höllenfeuer liest, dann denke an deine Küche! Denke darüber nach, wie heiß es ist, wenn du neben dem Ofen stehst und das Feuer des Ofens an ist. Stell dir vor, wie heiß es wäre, wenn du dieses Feuer anfassen müsstest – so heiß, dass du die Hitze des Feuers auf deinem Gesicht nicht ertragen könntest. Dies ist das Feuer des Diesseits! Stell dir das Höllenfeuer vor! Wie heiß ist das Höllenfeuer?

 

6. Sehr wichtig: Bittgebete

a) Allâh der Allmächtige und Majestätische ist der Einzige, Der dir dieses Verständnis schenken wird. Du wirst es nur bekommen, wenn Allâh der Hocherhabene will, dass du verstehst. Wenn du dich also vor dem über jeden Mangel Erhabenen niederwirfst, dann verrichte massenweise Bittgebete: „O Allâh! Du bist der Öffner! Eröffne mir dieses Wissen! Eröffne mir das Qurân-Verständnis!“ 

 

7. Das freiwillige Nachtgebet

a) Lies den Vers und denk darüber nach! Und lies ihn sehr, sehr oft und sinne über den Vers nach! Der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) las immer wieder lediglich einen Vers, wobei er vor Allâh dem Hocherhabenen weinte.

b) Das Lesen und Nachsinnen über den Qurân wird das Herz bewegen. 

 

8. Reduziere die Sünden und den Ungehorsam gegenüber Allâh dem Hocherhabenen!

a) Die Flecken von den Sünden und schlechten Taten sind eine Barriere für das Spüren und Verstehen des Qurân. Sie schaffen eine Hülle um das Herz: „Keineswegs! Vielmehr hat sich das, was sie zu erwerben pflegten, über ihren Herzen angesetzt.“ (Sûra 83:14).

b) Man kann also einen derart starken und mächtigen Vers hören und dennoch nicht davon berührt sein, weil man diese Hülle um sein Herz hat. Du solltest weniger sündigen, damit der Qurân dein Herz berührt! 

 

9. Höre viel Qurân!

Wenn du den Qurân hörst, dann denke: Warum rezitiert dieser Rezitator diesen Vers wieder und wieder? Warum weint er, wenn er diesen Vers rezitiert? Höre zu und denke darüber nach, warum der Rezitator den Vers auf diese Weise rezitiert!

 

10. Hoffe auf Allâh den Allmächtigen und Majestätischen!

a) Allâh der Hocherhabene wird mich niemals mir selbst überlassen!

b) Erkenne, dass Allâh der Hocherhabene dich nicht dir selbst überlassen wird, wenn du Ihn bittest! Bitte Ihn! Habe Hoffnung darauf, dass Allâh der Hocherhabene dein Bittgebet annehmen wird!

c) Verrichte Bittgebete: „O Allâh! Wer bin ich? Wer bin ich außer ein Gefährte der Sünde und des Ungehorsams? Und Du bist erhaben über jeden Mangel! Du bist der Besitzer der Vergebung! O Allâh: Öffne die Tore zum Verständnis für mich! Du bist der Einzige, der mir Verständnis gewähren kann!“

d) Wisse, dass Er dir antworten und dich niemals im Stich lassen wird! 

 

Verblüfft fragte ich ihn: „Scheich, woher weißt du das alles? Du hast mir alles schrittweise erklärt und mir einen Plan gegeben, wie ich zum Qurân zurückkehren kann. Steht dies alles in einem Buch, das ich lesen kann, um genau zu wissen, was zu tun ist?“

 

Er antwortete: „Weißt du, es ist genau, als sei man an einer bestimmten Fakultät an der Universität und wolle die besten Noten bekommen. Was macht man dann? Man liest Bücher, man spricht mit Menschen, die den Inhalt studieren. Genauso dachte ich mir: Wie werde ich erfolgreich? Deshalb las ich Bücher und hörte zu, und wenn ich jemanden rezitieren hörte, der weinte, dann dachte ich: Warum weint er bei diesem Vers? Warum weint er an dieser Stelle?“

Und so suchte er mit dem Ziel: „Wie kann ich erfolgreich sein?“

 

Möglicherweise können nicht alle von uns sofort damit beginnen, über Nacht alle oben genannten Schritte auszuführen. Lasst uns stattdessen sicherstellen, dass wir Acht geben und darüber wachen, dass wir mindestens zwei dieser Schritte ausführen, bis wir sie beherrschen und dann fortschreiten, um mehr zu tun, bis wir – so Allâh will - ebenfalls zu denjenigen gehören, die erfolgreich sind.

 

Letztendlich gilt: „… Und was ihr für euch selbst an Gutem vorausschickt, werdet ihr bei Allah finden. Was ihr tut, sieht Allah wohl.“ (Sûra 2:110).

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