Fragen zur Unnachahmlichkeit des Qurāns
Fatwā-Nummer: 156833

  • Fatwā-Datum:25-11-2020
  • Bewertung:

Frage

Wie gelangten die Prophetengefährten (möge Allāh mit ihnen zufrieden sein) zum Îmān, wo es zu ihrer Zeit noch nicht das Thema „Al-I’dschāz Al-Ilmī“ gab, also die Entdeckung wissenschaftlicher Fakten im Qurān. Wir wissen, dass Allāh, gepriesen und erhaben ist Er, die Polytheisten herausforderte, auch nur einen einzigen ähnlichen Vers wie aus dem Qurān zu bringen. Ich verstehe nicht, was damit gemeint ist. Ist damit gemeint, dass sie sich zu irgendeinem Thema einen Vers ausdenken sollten, der in rhetorischer Hinsicht wie ein Qurānvers sein sollte? Oder ist gemeint, dass sie etwas hervorbringen sollten, dass in der Bedeutung dem entspricht, was der Qurānvers aussagt? Gibt es im Qurān Verse, die keinen unnachahmlichen Wundercharakter (I’dschāz) enthalten? Gelten zum Beispiel die Buchstabenfolgen „Hā Mīm“, Alif Lām Mīm“ nicht als Verse? Auch finden wir manchmal Verse, die nur aus zwei Wörtern bestehen. Was wäre in diesem Fall der unnachahmliche Wundercharakter?

Antwort

Der Lobpreis gebührt Allāh und möge Allāh Seinen Gesandten sowie dessen Familie und Gefährten in Ehren halten und ihnen Wohlergehen schenken!

 

Der Qurān ist unnachahmlich in seinem Wortlaut und seiner Bedeutung. Unnachahmlichkeit im Wortlaut bezieht sich auf Stilistik und Rhetorik. Was die Bedeutung anbelangt, so enthält er Aussagen über Ereignisse, die geschehen sind und noch geschehen werden und Wahrheiten über manche Geschöpfe, sowie Feinheiten ihrer Beschaffenheit. Was die in besagtem Qurānvers angesprochene Frage nach der Ähnlichkeit betrifft (die Herausforderung, etwas Vergleichbares zu produzieren; A. d. Ü.), so bezieht es sich auf die Ähnlichkeit in der sprachlichen Eleganz des Qurāns und seinen Wissenszweigen. So hat es Ibn Dschuzayy in seinem Tafsīr „At-Tashīl li-Ulūm At-Tanzīl“ beschrieben. Ibn Arafa sagte in seinem Qurānkommentar: „Über die Aussage ‚(…) dann bringt doch eine Sūra gleicher Art bei (…)‘ (Sūra 2:23) sagten die meisten Ausleger, dass es sich auf die Ähnlichkeit in der sprachlichen Form, den Beschreibungen und der Eleganz der Ausdrucksweise bezieht. Einige meinten, es bezöge sich auf die Ähnlichkeit im Berichten über Verborgenes und in der Bestätigung der Wahrheit.”

 

Al-Alūsī sagte: „Mit einer Sūra gleicher Art ist gemeint im Hinblick auf Rhetorik und unnachahmlichen Stil.“

 

Die Unnachahmlichkeit in Bezug auf die sog. „abgeschnittenen Buchstaben“ wie „Hā Mīm“ und „Alif Lām Mīm“ hat Schaich Al-Amīn As-Schanqītī (Allāh erbarme sich seiner) in seinem Werk „Al-Adwā“ folgendermaßen beschrieben:

 

„Am plausibelsten ist hierzu aus dem Qurān abzuleiten, dass die abgeschnittenen Buchstaben am Anfang einiger Sūren vorkommen und in diesen die Unnachahmlichkeit des Qurāns erwähnt und betont wird, dass die Geschöpfe unfähig sind, etwas Ähnliches hervorzubringen, obwohl dieser Text aus genau diesen (abgetrennten) Buchstaben besteht, mit denen sie hier angesprochen werden. Diese Auffassung berichtet Ar-Rāzī in seinem Tafsīr unter Berufung auf Al-Mubarrad und eine Gruppe von vertrauenswürdigen Gelehrten. Al-Qurtubī überliefert dies von Al-Farrā und Qutrub; auch wird dies unterstützt durch Az-Zamachscharī in seinem Werk Al-Kasschāf. Ibn Kathīr sagte: ‚Der Schaich und Imām Abū Al-Abbās ibn Taimiyya und unser Schaich, der Hāfidh und Mudschtahid-Gelehrte Abū al-Haddschādsch Al-Mizzī, haben auch diese Auffassung vertreten. Dieser hat es mir auch von Ibn Taimiyya berichtet. Die Ableitung dieser Auffassung aus dem Qurān, dass in den Sūren, welche mit abgeschnittenen Buchstaben eingeleitet werden, stets nach diesen Buchstaben eine Bekräftigung des Qurāns und eine Darstellung seiner Unnachahmlichkeit erfolgen und betont wird, dass er zweifellos die Wahrheit ist – all dies stellt einen deduktiven Beweis dar. Dieser belegt, dass die abgeschnittenen Buchstaben der Bekräftigung dienen, dass der Qurān unnachahmlich und die Wahrheit ist. Sūra Al-Baqara beginnt Allāh der Erhabene mit Alif Lām Mīm und lässt dann die Worte folgen »Dieses Buch, an dem es keinen Zweifel gibt« (Sūra 2:2). Die Sūra Âl Imrān beginnt mit Alif Lām Mīm, sodann folgt: »Allāh – es gibt keinen Gott außer Ihm, dem Lebendigen und Beständigen. Er hat dir das Buch mit der Wahrheit offenbart (…)« (Sūra 3:2-3). Sūra A’rāf beginnt mit Alif Lām Mīm Sād und dann: »Dies ist ein Buch, das zu dir herabgesandt worden ist (…)« (Sūra 7:2). Am Anfang von Sūra Yūnus heißt es: »Alif-Lām-Rā. Dies sind die Zeichen des weisen Buches« (Sūra 10:1).‘“

 

Nun zur Frage, was die kleinste Einheit ist, bei der man von I’dschāz reden kann. As-Suyūti schreibt in Al-Itqān fī Ulūm Al-Qurān: „Al-Qādī (Iyād) sagte: ‚Der I’dschāz bezieht sich sowohl auf lange Sūren als auch auf kurze, ausgehend von der wörtlichen Bedeutung, da im Qurān von „Sūra“ gesprochen wird.‘ An anderer Stelle sagt er: ‚Es bezieht sich auf eine Sūra oder einen Teil dieser Rede, da sich hier die Ausdruckskraft der Rhetorik zeigt. Wenn ein Vers aus so vielen Buchstaben besteht wie eine Sūra – und wenn dieser nur so lang sein sollte wie Kauthar (die kürzeste; A. d. Ü.) –, so gilt dies als unnachahmlich. Doch es gibt keinen Beleg dafür, dass sich diese Unfähigkeit, sich der Herausforderung zu stellen, auch auf weniger als dieses Maß bezieht. Einige haben gesagt, dass der I’dschāz nicht bei einem einzigen Vers vorliege, sondern dass es mehrere Verse sein müssten. Andere meinten, dass es sich auf irgendetwas aus dem Qurān beziehe – sei dies wenig oder viel, da der Schöpfer sagt: »So sollen sie doch eine Aussage gleicher Art beibringen, wenn sie wahrhaftig sind.« (Sūra 52:34).‘ Al-Qadi (Iyād) sagte: ‚In diesem Vers liegt jedoch kein Beleg (für die letztgenannte Meinung; A. d. Ü.), da von vollständiger Aussage bzw. Rede (hier: „Hadīth”) nicht gesprochen werden könne, wenn weniger Worte als die in einer kurzen Sūra vorliegen.‘”

 

Und Allāh weiß es am besten!

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