Gewalt bringt nichts Gutes in der Da’wa – Teil 2

23/05/2021| IslamWeb

Keinen Zwang im Glauben

Allâh der Erhabene zwingt niemanden, an Ihn zu glauben oder Seine Religion anzunehmen. Tatsächlich verbietet Er den Gläubigen, die Menschen zur Annahme des Islâm zu zwingen. Er der Allmächtige sagt: „Es gibt keinen Zwang im Glauben“ (Sûra 2:256). Selbstverständlich ist Nötigung völlig sinnlos, was Glaubensüberzeugungen und Weltanschauungen betrifft. Sie bewirkt keinen echten Glauben, da ein Mensch nicht unter Zwang zu einem wahren Gläubigen werden kann. Es versteht sich von selbst, dass Allâh der Erhabene in der Lage ist, alle Seine Diener dazu zu bringen, gläubig zu sein. Er der Allmächtige sagt: „Und wenn Wir gewollt hätten, hätten Wir jeder Seele ihre Rechtleitung gegeben“ (Sûra 32:13). Anderswo sagt Er: „Und wenn dein Herr wollte, würden fürwahr alle auf der Erde zusammen gläubig werden. Willst du etwa die Menschen dazu zwingen, gläubig zu werden?“ (Sûra 10:99).

Er tat dies jedoch nicht und gab Seinen Dienern stattdessen klare und überzeugende Beweise, um sie auf den richtigen Weg zu weisen, und Er schickte ihnen Gesandte, um sie zur Wahrheit zu führen. Allâh der Allmächtige sagt: „Gesandte als Verkünder froher Botschaft und als Überbringer von Warnungen, damit die Menschen nach den Gesandten kein Beweismittel gegen Allâh haben“ (Sûra 4:165). Er ließ ihnen dann die Wahl, zu glauben oder nicht zu glauben, so dass der Mensch die Folgen seiner eigenen Entscheidung und nicht die eines anderen, ihm aufgezwungenen Handelns, tragen würde. Allâh der Allmächtige sagt: „Wer nun will, der soll glauben, und wer will, der soll ungläubig sein. Gewiss, Wir haben den Ungerechten ein Feuer bereitet, dessen Zeltdecke sie umfangen hält“ (Sûra 18:29).

Der Prophet (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) lebte in Mekka und sah die Götzen überall, doch er zerstörte oder verbrannte sie nicht. Vielmehr fuhr er fort, die Menschen zu Allâh zu rufen und ihnen die göttliche Botschaft zu übermitteln, um ihren Geist zu erleuchten, ihre falschen Überzeugungen weise zu ändern und ihre Ansichten zu korrigieren, so dass die Veränderung aus voller Überzeugung aus ihrem Inneren kommen würde.

Die muslimischen Jugendlichen um den Gesandten Allâhs (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) wurden manchmal vom Eifer für ihre Sache überwältigt und baten ihn, die Waffen gegen ihre Feinde zu erheben. Er (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) forderte sie jedoch auf, sich in Geduld zu üben und befahl ihnen, die Andersgläubigen nicht zu bekämpfen, bis sie eine andere Anweisung erhalten, sondern sich stattdessen darauf zu konzentrieren, das Gebet zu verrichten und die Zakâ zu entrichten, bis die aufstrebende muslimische Gemeinschaft stark genug ist, angemessene Maßnahmen zu ergreifen. Allâh der Allmächtige sagt: „Siehst du nicht jene, zu denen gesagt wurde: ‚Haltet eure Hände zurück und verrichtet das Gebet und entrichtet die Abgabe (…)‘“ (Sûra 4:77).

Stellt euch vor, der Prophet (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) hätte ihren Wünschen nachgegeben und ihnen befohlen, gegen die Götzendiener der Quraisch zu kämpfen, wie hätten die damals noch wenigen Muslime ihren Feinden entgegentreten können? Hätte der Prophet (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) die Götzen um die Kaaba herum zerstört, welche Folgen hätte eine solche Tat gehabt?

Traurige Realität

Manche jugendlichen Hitzköpfe eines großen muslimischen Landes gruben Gräber aus, die in Moscheen lagen, und rissen Schreine nieder, die von manchen unwissenden Muslimen verehrt wurden. Dabei verteidigten sie ihre Vorgehensweise mit Belegen aus Qurân und Sunna über das Verbot solcher Handlungen. Es besteht kein Zweifel, dass ihre Absicht gut war und sie versuchten, das Gute zu gebieten und das Schlechte zu verbieten. Ihr Handeln hatte jedoch negative Folgen. Sie wurden verhaftet, ebenso wie eine große Zahl von Gelehrten, Schülern des Wissens und religiösen Muslimen. Sie alle erlitten schweren Schaden, und ihre Familien erfuhren ebenfalls materiellen und psychischen Schaden.

Hinzu kommt, dass diese Schreine besser als zuvor wieder aufgebaut wurden. Kurz gesagt, das Verbieten des Übels hat in diesem Fall einen schwerwiegenderen Schaden verursacht.

Ich erinnere mich an einen weiteren Vorfall in einem muslimischen Land, bei dem eine Statue einer nackten Frau auf einem Platz aufgestellt wurde. Es handelte sich um eine alte, abgenutzte Statue, die von den Menschen kaum beachtet wurde. Ein hitzköpfiger muslimischer Jugendlicher zerbrach die Statue und verwüstete sie. Auch wenn er vielleicht in gewisser Weise Recht hatte, waren die Folgen unerfreulich. Er wurde verhaftet und musste viel Leid ertragen. Die Behörden bauten hingegen die einst vernachlässigte Statue wieder in einer viel besseren Ausführung auf. Der Vorfall wurde zum Gesprächsstoff der Stadt und lenkte die Aufmerksamkeit der Menschen sogar noch mehr auf die Statue.

Wir befürworten weder die Bewahrung solcher Götzen und Statuen noch den Bau von Schreinen und deren Umrundung. Wir billigen keine Sünden, die in einem muslimischen Land begangen werden. Allerdings müssen wir die Konsequenzen solcher Handlungen und ihre Auswirkungen berücksichtigen. Das Verbieten eines Übels kann selbst als Übel angesehen werden, wenn es zu einem noch größeren Übel führt, wie die muslimischen Gelehrten übereinstimmend erklärten.

Die Bekämpfung von Korruption und Übel mit Gewalt oder in einer Weise, die nicht mit den Prinzipien der Scharîa und den entsprechenden Bedingungen für das Gebieten des Guten und das Verbieten von Schlechtem übereinstimmt, hat nach den vorhandenen Gesetzen oft rechtliche Folgen für den Handelnden. Sie stellt auch ein großes Problem für einige einflussreiche Persönlichkeiten dar, die von der Bewahrung solcher Formen der Korruption und des Übels profitieren. Folglich würde sich der Aufrufer zu Allâh der Bestrafung durch die Behörden aussetzen, sodass aus seiner Aktion nichts Positives entstehen würde. Es würde dem Ruf zum Islâm oder den Muslimen nicht im Geringsten nützen. Seine Bemühungen wären vergeblich. Infolgedessen wird sein Aufruf zum Islâm missachtet und an der Verbreitung gehindert.

Wir fordern ja nicht, dass der Aufrufer zu Allâh ein Feigling sein soll. Vielmehr wollen wir, dass er seinen geistigen Horizont erweitert und die eigentlichen Ursachen des Problems klug und geduldig angeht und die Sachlage gut abwägt. Dies ist die richtige Art, Probleme anzugehen.

In Wirklichkeit beseitigt die Zerstörung von Götzen und Statuen weder die Verderbtheit noch den Unglauben und wird die Situation nicht im Geringsten ändern. Ganz im Gegenteil, die Menschen werden wahrscheinlich neue aufstellen oder die zerbrochenen in besserer Form wieder aufbauen. Möglicherweise werden sie durch ihren Starrsinn geblendet, die Wahrheit zu sehen. Höchstwahrscheinlich würde eine solche Tat sie wütend machen und sie dazu treiben, Vergeltung an den Muslimen und ihrem Gesandten (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) zu üben, wie es die Mitbürger von Ibrâhîm  Frieden sei auf ihm taten, als er ihre Götzen zerstörte.

Die Rolle des Rufers zu Allâh

Die Rolle des Rufers zu Allâh besteht nicht darin, Götzenanbeter zu töten. Sie zu töten ist sinnlos, weil damit der Götzendienst nicht beendet wird. Seine Rolle besteht nicht darin, diese Götzen zu zerstören, während die Liebe zu diesen Götzen in den Herzen ihrer Anhänger lebendig bleibt. Wie wir bereits sagten, würden sie sie in einer noch besseren Version wieder aufbauen.

Vielmehr besteht die Rolle des Rufers zu Allâh darin, die Götzen in den Herzen und Überzeugungen ihrer Anhänger zu zerstören, bis ihre Liebe entschwindet und die Menschen lernen, dass diese Götzen falsche Götter sind, die sich selbst keinen Nutzen oder Schaden zufügen, geschweige denn ihren Anhängern. Es wird von dem Rufer zu Allâh verlangt, die Ehrerbietung, Liebe und Verherrlichung für solche Götzen aus den Herzen ihrer Anhänger zu entwurzeln und diese Ehrerbietung, Liebe und Verherrlichung auf den Einen zu lenken, der ihrer wahrhaft würdig ist. Auf diese Weise werden die Betroffenen die Götzen mit ihren eigenen Händen zerstören, nachdem die Rufer Allâhs sie in ihren Herzen zerstört haben. Das ist ein echter Wandel, und genau dies ist die Rolle, die Aufgabe und die Pflicht der Rufenden zu Allâh.

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