Sure Al-Mâ´ûn, „Die alltägliche Hilfe“ oder „Die kleine Wohltat“, ist die 107. Sure des Qurâns und eine der eindringlichsten sozialen Kritiken der Heiligen Schrift. Sie entlarvt die Kluft zwischen äußerer Frömmigkeit und innerer Empathie, zwischen rituellem Gebet und sozialem Gewissen. In nur sieben Versen wird ein vernichtendes Urteil über diejenigen gefällt, die ihre Religion praktizieren, aber die grundlegendsten menschlichen Pflichten gegenüber ihren Mitmenschen vernachlässigen. Die Sure wurde in Mekka offenbart und adressiert eine universelle menschliche Schwäche, die in jeder Gesellschaft und zu jeder Zeit existiert: die Heuchelei, sich fromm zu geben, während das Herz hart und selbstsüchtig ist. Für den Alltag eines Muslims ist diese Sure ein unverzichtbarer Weckruf, der die Gebote des Islam mit dem Leben in der Gemeinschaft verbindet.
Die Sure beginnt mit einer rhetorischen Frage, die den Leser direkt anspricht: „Siehst du (nicht) denjenigen, der das Gericht für Lüge erklärt?“ (Sure 107:1). Diese Frage zieht denjenigen ins Licht, der die Realität des Gerichts, der Rechenschaft und des ewigen Lebens leugnet. Der zweite Vers präzisiert, was diese Leugnung in der Praxis bedeutet: „Das ist derjenige, der die Waise zurückstößt“ (Sure 107:2). Die Sure stellt eine direkte Verbindung her zwischen der Leugnung des Jüngsten Gerichts und der Misshandlung der Schwächsten der Gesellschaft. Die Waisen, die in der vorislamischen Gesellschaft oft entrechtet und ausgebeutet wurden, sind der Prüfstein für den wahren Charakter eines Menschen. Wer sie mit Härte behandelt, ihre Rechte missachtet oder sie wegstößt, offenbart damit, dass sein Herz kein Platz für die grundlegenden menschlichen Werte hat – und dass er den Glauben an die göttliche Rechenschaft nicht wirklich verinnerlicht hat.
Vers 3 fährt fort: „und nicht zur Speisung des Armen anhält“ (Sure 107:3). Es geht hier nicht nur um das persönliche Geben, sondern darum, andere zu ermutigen und eine Kultur der Großzügigkeit zu fördern. Die Sure kritisiert diejenigen, die nicht nur selbst nichts geben, sondern auch nicht das geringste Interesse daran zeigen, dass die Hungrigen gesättigt werden. Dies ist eine Anklage gegen die individuelle und kollektive Gleichgültigkeit gegenüber der Armut. Im Alltag bedeutet dies, dass der Muslim nicht nur selbst wohltätig sein soll, sondern auch eine aktive Rolle bei der Förderung des Wohls in seiner Gemeinschaft spielen muss. Er soll die Not der Armen nicht übersehen und andere an ihre Pflicht erinnern.
Die folgenden Verse sind der schärfste Teil der Sure, denn sie sprechen eine Gruppe an, die man erwarten würde, besser zu sein: die Betenden. „Wehe nun den Betenden“ (Sure 107:4). Dieser Fluch ist ein Schock, denn er richtet sich gegen diejenigen, die scheinbar die Religion praktizieren. Die Sure erklärt dann, warum: “denjenigen, die auf ihre Gebete nicht achten “ (Sure 107:5). Die Unachtsamkeit im Gebet (Sahw) bezieht sich nicht auf das völlige Unterlassen, sondern auf das Verrichten des Gebets ohne Konzentration, ohne Demut, ohne die innere Anwesenheit des Herzens. Es ist das Gebet, das zur Gewohnheit wird, zu einer leeren äußeren Hülle, die den Betenden nicht daran hindert, gleichzeitig unmoralisch und gefühllos zu sein. Der sechste Vers nennt einen weiteren Fehler: diejenigen, „die dabei (nur) gesehen werden wollen“ (Sure 107:6). Sie beten nicht für Allah, sondern um von den Menschen gesehen und gelobt zu werden. Ihre Frömmigkeit ist Heuchelei (Riya'), eine Zurschaustellung, die den inneren Wert der Handlung zunichte macht.
Der siebte und letzte Vers bringt alles auf den Punkt: „und die Hilfeleistung verweigern“ (Sure 107:7). Das Wort Al-Mâ´ûn bezieht sich auf die kleinsten, alltäglichsten Hilfsgüter – Dinge wie eine Nadel, einen Eimer Wasser oder das Ausleihen eines Werkzeugs. Die Sure endet mit der Anklage, dass diejenigen, die äußerlich fromm sind, aber innerlich leer, nicht einmal bereit sind, die kleinsten Gefälligkeiten zu erweisen. Dies ist der ultimative Beweis für ihre Herzenshärte und ihren Egoismus.
Die Botschaft der Sure Al-Mâ´ûn ist für den Alltag von überwältigender Bedeutung. Sie lehrt, dass der Glaube keine Privatsache ist, die sich auf das Gebet in der Moschee beschränkt. Der wahre Glaube manifestiert sich im sozialen Gewissen und im praktischen Handeln. Eine Person, die betet, aber ihre Mitmenschen, insbesondere die Bedürftigen, ignoriert oder misshandelt, hat den Geist der Religion nicht verstanden. Der Prophet warnte, dass derjenige, der nicht barmherzig ist, keine Barmherzigkeit erfahren wird. Die Sure fordert den Muslim auf, seinen Glauben ganzheitlich zu leben: Er muss seine Gebete mit Hingabe verrichten und gleichzeitig ein aktives Mitglied seiner Gemeinschaft sein, das sich um die Waisen kümmert, die Armen speist und auch die kleinsten Hilfsleistungen nicht verweigert. Dies ist der Islam in seiner reinsten Form – eine Religion der Anbetung Gottes und des Dienstes an der Menschheit. Die Sure ermutigt zu Empathie, Großzügigkeit und Aufrichtigkeit und verurteilt Heuchelei, Gleichgültigkeit und die Vernachlässigung der sozialen Verantwortung. Möge Allah uns vor der Heuchelei bewahren und uns zu denen zählen, die beten und gleichzeitig die Rechte der Menschen achten und ihnen in jeder erdenklichen Weise helfen.



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Fatwâ





