Du läufst zwischen Safâ und Marwa hin und her – sieben Mal. Deine Füße schmerzen, die Hitze drückt, und um dich herum drängen sich tausende Pilger. Warum tust du das? Die Antwort liegt mehre tausend Jahre zurück, bei einer Frau, die in der Geschichte des Islams einen sehr hohen Rang einnimmt: bei Hâdschar, einer Magd. Ihr Lauf ist nicht nur ein Ritus – er ist eine lebendige Lektion über Verzweiflung, Vertrauen und die unerwartete Hilfe Allahs. Was können wir von ihr lernen?
Eine Frau in der Wüste
Die Geschichte beginnt nicht in Mekka, sondern in der Wüste. Ibrâhîm brachte seine Frau Hâdschar und ihren kleinen Sohn Ismâ´îl auf Allahs Geheiß an einen kargen, unbewohnten Ort – das Tal, das später Mekka heißen wird. Kein Wasser, keine Nahrung, kein Mensch. Ibrâhîm ließ sie dort mit einem Schlauch Wasser und einem Beutel Datteln zurück. Hâdschar rief ihm nach: „Ibrâhîm, wohin gehst du? Willst du uns hier ohne Wasser und Nahrung zurücklassen?“ Ibrâhîm antwortete nicht. Sie fragt weiter: „Hat Allah dir das befohlen?“ Erst da erwiderte er: „Ja.“ Da sagte Hâdschar Worte, die jeder Pilger im Herzen tragen sollte: „Dann wird Allah uns nicht im Stich lassen.“
Das ist der erste und wichtigste Punkt: Hâdschar vertraute nicht auf Ibrâhîm, nicht auf ihre eigene Stärke, sondern auf Allahs Versprechen. Sie wusste, dass derjenige, der sie hierher schickte, auch versorgen wird. Doch dieses Wissen ist keine Garantie für ein bequemes Leben. Das Vertrauen wurde sofort auf die Probe gestellt.
Die Verzweiflung: Sieben Läufe zwischen Hoffnung und Angst
Das Wasser im Schlauch war bald aufgebraucht. Die Milch in Hâdschars Brust versiegte. Ismâ´îl schrie vor Durst, wandte sich auf dem heißen Boden. Hâdschar konnte ihn nicht stillen. Doch blieb sie nicht sitzen, um auf Allahs Beistand zu warten, sie stand auf.
Sie rannte zum nächsten Hügel – Safâ, stieg hinauf, spähte ins Land, doch sah sie nur Wüste. Sie eilte hinunter und rannte zum nächsten Hügel – Marwa: doch wieder nichts. Sieben Mal lief sie so hin und her, als etwa 3,5 Kilometer in brütender Hitze, mit einem schreienden Kind. Sie sucht nicht nach Wundern, sondern nach Wasser – nach einer Lösung.
Das ist die zweite Lektion: Glauben bedeutet nicht, passiv zu warten und nur zu beten, während das Kind stirbt. Vielmehr soll man sich bemühen und auf Allah vertrauen. Hâdschar verband das Handeln und die Hingabe.
Das Wunder: Aus scheinbarer Leere entspringt Wasser
Nach dem siebten Mal kehrte Hâdschar zu Ismâ´îl zurück. Da erschien der Engel Dschibrîl, schlug mit seinem Flügel auf den Boden – und dort, wo der kleine Fuß Ismâ´îls im Sand scharrte, begann eine Quelle zu sprudeln. Kein Rinnsal, kein Tropfen – es ist der Brunnen Zamzam, der bis heute nicht versiegt ist. Hâdschar wollte das Wasser, mit den Händen aufhalten, damit es nicht versiegt, und sagte: „Zam, zam! – Stopp, stopp!“ Der Prophet (möge Allah ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) sagte: „Allah erbarme sich Hâdschar, der Mutter von Ismâ´îl, hätte sie es fließen lassen, wäre es heute ein Fluss.“ (Musnad Ahmad).
Doch die eigentliche Botschaft ist tiefer: Das Wunder geschah erst, als Hâdschar verzweifelte. Im Qurân steht: „Wahrlich, mit der Erschwernis kommt die Erleichterung“ (Sure 94:5). Hâdschar lebte diesen Vers.
Was Hâdschar uns heute lehrt
Lektion 1: Deine Anstrengung wird gesehen. Du rennst zwischen Safâ und Marwa – aber eigentlich rennst du jeden Tag: zwischen Arbeit und Familie, zwischen Sorgen und Hoffnungen, zwischen Rückschlägen und neuen Versuchen. Hâdschar lehrt dich: Jeder Schritt zählt. Allah sieht deine Mühe, auch wenn das Ergebnis noch aussteht.
Lektion 2: Verzweiflung ist kein Mangel an Glauben. Hâdschar war verzweifelt. Sie rannte, weil sie Angst hatte. Der Islam verlangt keine Emotionslosigkeit. Du darfst weinen, du darfst zitternd um Hilfe schreien: „Oder meint ihr etwa, dass ihr in den (Paradies)garten eingehen werdet, noch bevor Gleiches über euch gekommen ist, wie über diejenigen, die vor euch dahingegangen sind? Not und Leid widerfuhr ihnen, und sie wurden erschüttert, bis dass der Gesandte und diejenigen, die mit ihm glaubten, sagten: ‚Wann kommt Allahs Sieg?‘ Aber wahrlich, Allahs Sieg ist nahe.“ (Sure 2:214). Was zählt, ist, dass du nicht aufhörst zu laufen.
Lektion 3: Die Hilfe kommt oft unerwartet. Hâdschar suchte Wasser in der Ferne – aber die Quelle entsprang genau dort, wo sie war, am Fuß ihres Kindes. So ist es oft: Du suchst dein Glück in einem neuen Job, einem neuen Land, einer neuen Beziehung – und die Lösung liegt direkt vor dir, unter deinen Füßen. Öffne deine Augen für die kleinen Wunder.
Lektion 4: Eine einzige Frau kann die Geschichte verändern. Hâdschar war eine ehemalige Sklavin, eine Fremde, eine alleinerziehende Mutter in der Wüste. Nichts an ihrer Situation versprach Größe. Doch durch ihren Lauf und ihr Vertrauen wurde aus der Einöde die heiligste Stadt des Islam. Zamzam versorgt bis heute Millionen von Pilgern. Deine Taten sind nie zu gering.
Wenn du zwischen Safâ und Marwa läufst, dann lauf nicht mechanisch. Denk an Hâdschar! Sieh ihre Fußspuren vor dir. Fühl ihre Angst – und ihren Mut. Und dann frag dich: Wo in meinem Leben renne ich gerade vergeblich? Wo suche ich Wasser in der Wüste? Und wo bin ich bereit, noch ein letztes Mal zu rennen – im Vertrauen, dass die Quelle genau dann entspringt, wenn ich am wenigsten damit rechne? Hâdschar hat es getan. Du kannst es auch.


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