Du stehst in Minâ, die Sonne brennt, tausende Pilger drängen sich um dich herum. In deiner Hand hältst du sieben kleine Kiesel. Vor dir erhebt sich eine hohe Steinsäule – die Jamarah. Du zielst, wirfst, und der Stein klackt gegen den Beton. Du wiederholst dies sieben Mal. Dann dasselbe an der nächsten Säule. Was tust du da eigentlich? Viele denken: „Ich bewerfe den Teufel.“ Andere glauben, es gehe darum, Wut oder Aggression abzulassen. Beides ist falsch. Hinter diesem Ritus steckt eine tiefe Geschichte und eine noch tiefere Symbolik, die fast immer missverstanden wird.
Die Geschichte: Was geschah wirklich an diesem Ort?
Die Dschamarât erinnern an den Propheten Ibrâhîm (Ibrahim). Die Überlieferung berichtet: Als Ibrâhîm von Allah befohlen wurde, seinen Sohn Ismael zu opfern, erschien ihm auf dem Weg nach Minâ dreimal der Teufel (Satan). Der Teufel versuchte, Ibrâhîm von der Erfüllung des göttlichen Befehls abzubringen. An drei verschiedenen Stellen – dort, wo heute die drei Säulen stehen – begegnete Ibrâhîm dem Teufel. Jedes Mal warf Ibrâhîm Kiesel auf ihn, um ihn zu vertreiben. Der Prophet Muhammad bestätigte diesen Ritus, als er sagte: „Die Steinigung der Säulen wurde festgelegt, damit Allah dabei gedacht wird.“ (Ahmad)
Das ist der historische Kern: Du bewegst dich an den Orten, an denen Ibrâhîm den Teufel vertrieb. Du tust nicht, was der Teufel will. Du tust, was Ibrâhîm tat. Aber warum? Weil Ibrâhîm als „Vater der Gläubigen“ gilt – und sein Handeln ist eine Lehre für dich.
Die Symbolik: Wen oder was bewerfen wir wirklich?
Das größte Missverständnis: Manche glauben, die Steinsäulen selbst seien der Teufel oder würden den Teufel verkörpern. Das ist nicht richtig. Die Säulen sind nur Zeichen – sie markieren die Orte, an denen Ibrâhîm dem Teufel begegnete. Du wirfst nicht auf eine Säule, sondern auf eine Erinnerung. Und du wirfst nicht aus Hass, sondern aus Gehorsam.
Der Teufel, den Ibrâhîm vertrieb, ist derselbe, der auch heute noch zu dir spricht: die Stimme, die dir sagt: „Es ist nicht so schlimm.“ Die Stimme, die dich von deinen Pflichten abbringen will. Die Stimme, die Zweifel sät. Das rituelle Bewerfen ist ein symbolischer Akt der Zurückweisung: Du sagst dem Teufel in deinem eigenen Herzen: „Ich werfe dich hinaus, ich folge dir nicht, ich tue, was Allah befohlen hat – auch wenn es schwerfällt.“
Der Gelehrte Ibn al-Qayyim sagte: „Die Weisheit der Steinigung liegt darin, dass der Diener seinen Gehorsam gegenüber Allah zeigt, indem er den Feind Allahs (den Teufel) mit Steinen bewirft – nicht aus Hass auf den Stein oder aus Liebe zum Werfen, sondern um den Feind zu demütigen.“ (Zâd al-Ma´âd)
Die drei Säulen: Eine Stufenleiter der Versuchung
Die Überlieferung sagt: Der Teufel erschien Ibrâhîm zuerst an der kleinen, dann an der mittleren, dann an der großen Säule. Jedes Mal wurde Ibrâhîm versucht, den Befehl Allahs aufzugeben. Jedes Mal widerstand er. Die drei Säulen stehen für die drei Stufen der Versuchung: zuerst eine kleine Ablenkung, dann ein stärkerer Zweifel, schließlich der offene Aufruf zum Ungehorsam.
Wenn du an der großen Jamarah wirfst (am 10. Dhû al-Hiddscha – dem Opfertag – und an den folgenden Tagen), dann tust du das, was Ibrâhîm am Ende seiner Prüfung tat: Du sagst dem größten Hindernis zwischen dir und Allah den Kampf an.
Häufige Missverständnisse – und was wirklich zählt
Missverständnis 1: „Ich muss den Teufel treffen, sonst ist die Steinigung ungültig.“
Falsch. Der Prophet sagte: „Es ist nicht erforderlich, dass der Stein die Säule trifft.“ (Al-Bayhaqî) Entscheidend ist die Absicht und der Akt des Werfens, nicht das Zielen. Viele Pilger stehen stundenlang an und versuchen, genau die Mitte zu treffen – dabei reicht es, wenn der Stein in die Nähe der Säule fällt. Das Gedränge wird dadurch nur noch schlimmer.
Missverständnis 2: „Ich muss stark werfen, um meine Wut auf den Teufel zu zeigen.“
Falsch. Der Prophet warf die Steine sanft, ohne Kraft. (Muslim). Es geht nicht um Gewalt, sondern um Gehorsam. Wer wütend wirft, verfehlt die innere Bedeutung. Der Teufel wird nicht durch Steinwürfe besiegt, sondern durch deine Standhaftigkeit.
Missverständnis 3: „Die Steine müssen besonders beschaffen sein (schwarz, scharfkantig, aus Muzdalifa).“
Der Prophet sagte: „Werft mit Kieselsteinen.“ (Muslim) Damit meinte er kleine, etwa bohnengroße Steine – keine großen Brocken. Die Farbe ist egal. Und auch wenn es empfohlen ist, sie in Muzdalifa zu sammeln, ist es nicht verboten, sie anderswo zu nehmen.
Missverständnis 4: „Nach der Steinigung ist der Teufel für mich besiegt.“
Das wäre zu einfach. Das rituelle Bewerfen ist ein Symbol – die echte „Steinigung“ des Teufels in deinem Leben geschieht jeden Tag, wenn du seiner Einflüsterung widerstehst. Der Ritus trainiert dich nur dafür.
Der Qurân und die innere Haltung
Der Qurân sagt über Ibrâhîms Prüfung: „Als sein Herr ihn mit Worten prüfte und er sie erfüllte...“ (Koran 2:124). Die Prüfung Ibrâhîms war nicht das rituelle Bewerfen – es war die absolute Bereitschaft zu gehorchen, auch wenn es ihn das Kostbarste kostete. Das rituelle Bewerfen ist die Erinnerung an diese Haltung.
Und Allah sagt über den Teufel: „Die List des Satans ist schwach“ (Koran 4:76). Das ist die frohe Botschaft: Der Teufel kann dich nicht zwingen. Seine Versuchung ist nur eine Einflüsterung. Du hast die Macht, sie mit einem Stein – oder mit einem einzigen aufrichtigen „Ich suche Zuflucht bei Allah vor dem Satan“ – zu vertreiben.
Drei konkrete Tipps für das rituelle Bewerfen
1. Mache die innere Absicht vor jedem Wurf: „Ich werfe nicht aus Wut. Ich werfe aus Gehorsam gegenüber Allah, um den Teufel – in mir und in der Welt – zurückzuweisen.“
2. Wiederhole keine alten Fehler: Wenn du dich im Gedränge über andere ärgerst, dann hast du in diesem Moment nicht den Teufel vertrieben, sondern er hat dich vertrieben. Bleib sanft.
3. Nimm die Lektion mit nach Hause: Die Dschamarât werden jedes Jahr neu aufgebaut. Deine innere „Steinigung“ des Teufels musst du auch jeden Tag neu beginnen. Der Hadsch endet, der Kampf gegen das Ego nicht.
Das rituelle Bewerfen der Dschamarât ist keine Gewalttat. Es ist ein Akt der Demut: Du tust etwas, das auf den ersten Blick sinnlos erscheint – du wirfst kleine Steine auf große Säulen. Doch gerade in dieser scheinbaren Sinnlosigkeit liegt die Tiefe. Du zeigst, dass du bereit bist, Allahs Befehl zu folgen, auch wenn du den Grund nicht vollständig verstehst. Du zeigst, dass du den Teufel nicht fürchtest. Und du zeigst vor allem: Du willst sein wie Ibrâhîm – nicht perfekt, aber gehorsam. Und das ist stärker als jeder Stein.


Artikel
Beliebte Artikel

