Die Sure al-Falaq “die Morgendämmerung“, ist die vorletzte Sure des Korans und bildet mit Sure 114 ein unzertrennliches Paar, die Schutzsuren. Während sich die Sure an-Nâs auf die inneren Einflüsterungen konzentriert, richtet sich Sure al-Falaq auf die äußeren, sichtbaren und unsichtbaren Übel, die den Menschen in seiner Umgebung bedrohen. Diese Sure mit ihren fünf Versen ist ein umfassendes Schutzgebet, das den Gläubigen befähigt, den Tag mit Vertrauen und Sicherheit zu beginnen und die Nacht ohne Furcht zu beenden. Ihre Botschaft lehrt den Muslim, dass Allah der Einzige ist, der vor allen Formen des Bösen schützen kann, und dass man sich aktiv an Ihn wenden muss, um in einer von Gefahren umgebenen Welt sicher zu sein.
Die Sure beginnt mit der Aufforderung: „Sprich: Ich suche Zuflucht beim Herrn der Morgendämmerung.“ Der Begriff al-Falaq bedeutet wörtlich „das Spalten“ und bezieht sich auf das Aufbrechen der Dunkelheit der Nacht durch das Licht der Morgendämmerung. Es ist der Moment, in dem der Tag erwacht, die Dunkelheit vertrieben wird und die Welt neu belebt wird. Indem der Muslim Zuflucht beim „Herrn der Morgendämmerung“ sucht, appelliert er an den Gott, der das Licht aus der Dunkelheit hervorbringt und der die Macht hat, jede Art von Übel zu zerstreuen, so wie das Licht die Nacht vertreibt. Dies ist eine tägliche Erneuerung des Vertrauens. Wenn ein Gläubiger diese Worte am Morgen spricht, erkennt er an, dass der Tag, der vor ihm liegt, mit seinen Herausforderungen und Gefahren, nur unter dem Schutz des Schöpfers sicher bewältigt werden kann.
Im zweiten Vers wird eine allgemeine Schutzbitte formuliert: „vor dem Bösen dessen, was Er erschaffen hat.“ Dies ist eine umfassende Formel, die alle möglichen Übel einschließt, die in der Schöpfung vorkommen können – von Naturkatastrophen und Unfällen bis hin zu körperlichen Leiden und dem Leid, das von anderen Menschen ausgeht. Der Islam betont, dass das Böse nicht absolut und unabhängig von Allah ist, sondern ein Teil der erschaffenen Welt, die Allah in Seiner Weisheit erschuf. Das Böse ist nicht eigenständig, es ist abhängig von Allah. Die Sure lehrt den Gläubigen, dass er sich nicht naiv über die Existenz des Übels in der Welt täuschen sollte, aber auch nicht in Angst und Verzweiflung verfallen darf. Er soll sich vielmehr bewusst an den Einzigen wenden, der die Macht hat, ihn vor all diesen Übeln zu schützen. Wenn dich der Schäferhund angreift, dann bitte den Schäfer um Hilfe. Diese allgemeine Bitte deckt alle sichtbaren Gefahren des Alltags ab: die Fahrt zur Arbeit, den Umgang mit fremden Menschen und die unberechenbaren Ereignisse des Lebens.
Die folgenden Verse konkretisieren drei spezifische Arten von Übeln, vor denen der Gläubige häufig Schutz sucht. Vers 3 lautet: „und vor dem Böse der Dunkelheit, wenn sie sich ausbreitet.“ Dies bezieht sich auf die Dunkelheit der Nacht, die Unfälle und Angriffe begünstigt, aber auch auf die seelische und emotionale Finsternis, die einen Menschen überkommen kann, wenn er sich verwirrt, ängstlich oder verlassen fühlt. Im übertragenen Sinne ist es die Dunkelheit der Unwissenheit, des Zweifels und der Verzweiflung. Die Sure lehrt uns, dass wir Zuflucht bei Allah suchen sollen, wenn uns eine Situation oder ein Gefühl völlig zu überwältigen droht. Ein Muslim, der sich in einer schweren Krise befindet, sollte diese Worte rezitieren und sich daran erinnern, dass Allah das Licht ist, das jede Dunkelheit erhellen kann. Er ist der „Herr der Morgendämmerung“, des Endes jeder Finsternis, „Allah ist das Licht der Himmel und der Erde“ (Sure 24:35).
Vers 4 warnt dann: „und vor dem Böse der Knotenbläserinnen.“ Dies ist ein Verweis auf die Praktiken der Magie und des Aberglaubens. Dies ist auch heute noch aktuell. Es geht um die zerstörerische Macht von Neid, der Menschen dazu treibt, Dschinn zu instrumentalisieren, um anderen zu schaden. Diese können psychische und sogar körperliche Leiden verursachen. Die Sure lehrt uns, dass die bösen Absichten anderer Menschen real sind und ernst genommen werden müssen. Der Muslim soll jedoch nicht in Paranoia verfallen, sondern sich aktiv im Schutz Allahs bergen, denn niemand kann ihm schaden, außer Allah will es zulassen.
Der letzte Vers, Vers 5, nennt den vielleicht alltäglichsten und gefährlichsten Feind: „und vor dem Übel eines Neiders, wenn er neidet.“ Der Neid (Hasad) ist eine der zerstörerischsten Eigenschaften der menschlichen Seele. Er ist die Wurzel vieler zwischenmenschlicher Konflikte und ein Motor für Hass, Verleumdung und Ungerechtigkeit. Der Neider wünscht seinem Opfer nichts Gutes, und seine schlechten Gedanken können dem Beneideten schaden. Die Sure Al-Falaq lehrt uns, dass wir uns nicht nur vor aktiven Angriffen, sondern auch vor den negativen Gefühlen anderer schützen müssen. Das beste Mittel gegen Neid ist, sich Allah zuzuwenden, indem man die Morgen- und Abendgebete spricht, sich in Demut vor Ihm übt und Ihn um Schutz vor den Übeln der Menschen bittet.
Sure al-Falaq ist daher weit mehr als ein einfaches Schutzgebet. Sie ist eine Anleitung zu einem Leben in Bewusstheit und Gottvertrauen. Sie lehrt den Muslim, die Realität der Gefahren in der Welt zu sehen, aber sich von ihr nicht lähmen zu lassen. Stattdessen wendet er sich aktiv an den Herrn der Morgendämmerung, der das Licht aus der Dunkelheit hervorbringt, und bittet Ihn um Schutz vor allem Bösen. Dieses Gebet schenkt dem Gläubigen innere Ruhe und die Gewissheit, dass er, egal welche Dunkelheit ihn umgibt, in Allahs Obhut sicher ist. Im Alltag kann und sollte diese Sure vor dem Schlafengehen rezitiert werden, um die Nacht vor den Gefahren der Dunkelheit zu schützen, und am Morgen, um den Tag unter Allahs Schutz zu stellen. Sie ist der tägliche Ausdruck der Demut und des Vertrauens, dass alle Macht und alles Gute allein von Allah kommt.


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