Blicke auf den, der weniger hat!

Blicke auf den, der weniger hat!
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Oft vergleicht der Mensch den Zustand seiner weltlichen Angelegenheiten mit denen anderer Menschen. Er vergleicht sich in seinem körperlichen Aussehen, in seiner Arbeit und Stellung und er vergleicht seine Gesundheit, seine Besitztümer und sein Vermögen. Doch dieses Vergleichen hat schlimme Auswirkungen. Weil sich der Mensch beim Vergleichen immer an solchen orientiert, denen es besser geht als einem selbst in Bezug auf Vermögen oder Ansehen, fühlt er durch den Blick auf andere nur Enttäuschung und Neid. Möglicherweise übersieht er die Wohltaten Allâhs, die er selbst besitzt. Daher zielt der weise prophetische Ratschlag auf das Gegenteil ab: Man soll auf den blicken, „der unter einem steht“, d.h. dem es schlechter geht und sich mit diesem vergleichen. Somit wandeln sich die negativen Folgen in Zufriedenheit, innere Ruhe und Glück um. Man schätzt die erhaltenen Gnaden mehr, und das leitet einen zur Dankbarkeit.

Im „Sahîh Muslim“ wird über Abû Huraira vom Gesandten Allâhs (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) berichtet, dass er sagte: „Schaut auf den, der unter euch steht, und nicht auf den, der über euch steht. Das führt eher dazu, dass ihr nicht die Gnade Allâhs geringschätzt.“ Dieser Hadîth gehört zu den präzisen und umfassenden prophetischen Worten. Die Geschöpfe unterscheiden sich in Bezug auf ihren Lebensunterhalt, so wie der Erhabene sagt: „Wir verteilen doch unter ihnen ihren Lebensunterhalt im diesseitigen Leben und erhöhen die einen von ihnen über die anderen um Rangstufen, damit die einen von ihnen die anderen in Dienst nehmen“ (Sûra 43:32). Da es diese Unterschiede zwischen den Geschöpfen gibt und der Mensch kurzsichtig immer auf das schielt, was er nicht in seiner Hand hält, lenkt uns der größte Erzieher (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) mit diesem umfassenden Hadîth zu diesem erhabenen Verhalten.

Ibn Hadschar sagte: „Ähnlich wie der genannte Hadîth ist auch die Überlieferung von Al-Hâkim unter Berufung auf Abdullâh ibn Schichchîr vom Propheten: „Begebt euch weniger zu den Reichen. Denn dies ist eher dazu angetan, dass ihr nicht die Gnade Allâhs geringschätzt.“ Ibn Battâl sagte: „Dieser Hadîth umfasst (alle) Bedeutungen des Guten.“ Al-Qadi Iyâd berichtet von At-Tabari: „Dieser Hadîth umfasst das Beste. Denn der Mensch giert nach dem, was er bei einem anderen über ihm entdeckt. Damit sieht er seinen eigenen Zustand als gering und wertlos an und will immer mehr. Doch wenn er in dieser Welt auf den schaut, der unter ihm steht, wird ihm klar, über welche Gnaden Allâhs er selbst verfügt. Also halte deine Seele zur Dankbarkeit an!“

Der Hadîth bringt den Menschen davon ab, auf das Weltliche der Anderen und ihre Wohltaten zu blicken. So etwas ist untersagt, denn im Qurân heißt es: „Und richte nur nicht deine Augen auf das, was Wir manchen von ihnen paarweise als Nießbrauch gewähren – den Glanz des diesseitigen Lebens –, um sie darin der Versuchung auszusetzen. Die Versorgung deines Herrn ist besser und beständiger“ (Sûra 20:131). Dies ist der Zustand derjenigen, die von dieser Welt entzückt sind. Sie befinden sich in ständiger Begierde und in permanentem Vergleichen mit anderen.

Der Hadîth leitet dazu an, wie man diese Angewohnheit heilen kann: Indem man auf die Situation derjenigen blickt, die weniger an Versorgung, Gesundheit, Vermögen oder Nachkommen haben. Das ist nützlicher für das Herz, stellt die Seele eher zufrieden und bringt den eigenen Zustand besser in Ordnung. Wer auf andere schaut, denen es schlechter geht, der findet sicher jemanden, der eine schwierigere Prüfung hat, oder eine kleinere Wohnung oder weniger an Vermögen oder Nachkommen. Er wird auf jemanden stoßen, der seinen Lebensunterhalt schwerer erarbeiten muss. Wenn er weitermacht, sein Herz mit dieser prophetischen Rechtleitung zu behandeln, dann wird es erweichen, seine Seele wird Zufriedenheit finden und er erkennt, wie reich und gesund er im Vergleich zu unzähligen anderen Geschöpfen ist.

Al-Irâqî schreibt in „Tarh At-Tathrîb“: „Das gehört zu dem schönen Verhalten, zu dem uns unser Prophet (möge Allâh ihn in Ehren halten und ihm Wohlergehen schenken) erzogen hat. Darin liegt der Erfolg für unsere Religion und unsere weltlichen Angelegenheiten, unseren Geist und Körper und für unsere Herzensruhe. Möge Allâh ihn für seinen Ratschlag auf die beste Weise belohnen, wie er einen Propheten belohnt hat.“

Der Hadîth weist darauf hin, dass es besser ist, die Zusammenkünfte der reichen Leute zu meiden. Denn zu sehen, in welchem Luxus und Schmuck sie leben, ist für das Herz eine Prüfung und die Seele könnte Zorn auf die göttliche Bestimmung entwickeln. Durch den Umgang mit solchen Menschen empfindet man Gier nach dem Weltlichen, ganz im Gegensatz zum Umgang mit armen und einfachen Menschen. Denn hierdurch fühlt das Herz Ruhe und das Begehren geht zurück. Irâqî sagte auch: „Aus diesem Grund sollte man sich von Leuten fernhalten, die an der Welt hängen und nur danach trachten, mehr von ihr und ihren Gütern zu erhalten. All das führt zu Schaden.“

Der Mensch ist von seiner Natur her neidisch und eifersüchtig. Wenn er sieht, was andere besitzen, packt ihn die Gier, und Neid lässt ihn Kummer empfinden. Vielleicht erlangt er nicht das, was die Reichen haben, und dann lebt er grundlos betrübt. Würde er auf denjenigen schauen, der unter ihm steht, würde sein Leiden verfliegen und seine Sorge sich in Luft auflösen. Daher sagt Ibn Aun: „Ich war mit Reichen zusammen und sah keinen, der betrübter war als ich. Ich sah Reittiere, die besser als mein Reittier waren, und Kleidung, die besser als meine Kleidung war. Und dann begleitete ich die Armen und alsbald kam Ruhe in mir auf.“
 

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